Der Tag der Freude: 8. Mai 1945. Der Widerstandskämpfer Harry Hüttel.

Mai 8, 2015

Landschaft in Kroatien bei Kaštela (Stadt zwischen Split und Trogir)

Genau sieben Jahrzehnte sind vergangen seit jenem glücklichen Tag, als
die Alliierten Streitkräfte die Welt von dem höllischen Naziterror
befreiten, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Ein glücklicher Tag. Der Tag der Freiheit. Der 8. Mai 1945. 

In Gedanken bin ich heute bei meiner Mutter auf der Gedenkveranstaltung in
Wien.
Fest der Freude.

Heute begreife ich, dass die Geschichte mich eingeholt hat, die mich
nachhaltig erschütterte, seit ich als Kind die Augenzeugenberichte aus den
Konzentrationslagern gelesen hatte.

Plötzlich, als hätte ich nie etwas davon gewusst (aber ich habe davon
schon gewusst!), wird mir klar, dass einer der Gequälten mein eigener
Großonkel, Harry Hüttel, ist. Aber: Er war nicht nur ein Gequälter, nein!

Viel wichtiger, da bin ich sicher, wäre ihm zu sagen: Ich habe Widerstand
geleistet. Und dafür hat er viele Jahre erst im Zuchthaus, dann im KZ
Sachsenhausen und schließlich im KZ Mauthausen, das selbst die Deutschen
‚Mordhausen‘ nannten, leben müssen.

Leben?! Was ist das für ein Leben gewesen! Gefoltert. Gequält. Gedemütigt.
Ausgehungert. Verlacht. Wie konnte er das überleben? Ich bin aufgewühlt,
voller Wut und Trauer über die unsäglichen Verbrechen, die an jedem
einzelnen dieser Menschen begangen wurden. Voller Schmerz über die
Tatsache, dass ich nichts mehr tun kann, nicht helfen, nichts, nichts.
Ohnmacht. Und Scham. Die Scham war immer da – eine aus diesem Volk zu
sein, das solches zugelassen hat.

Und doch:

Schon seit vielen Jahren sucht meine Mutter in den Archiven nach
Dokumenten, die uns Aufschluss geben könnten über das, was geschehen ist.
Sie hat vieles schon gefunden. Alle Daten, die ich unten aufgelistet habe,
hat sie herausgesucht. Ich habe immer mehr aus der Ferne zugesehen und
nicht begriffen, dass es genauso meine Sache ist, danach zu suchen. Es ist
ihr Onkel, der Bruder ihrer Mutter. Es ist mein eigener Großonkel, um den
es hier geht.

Und so habe ich beschlossen, meiner Mutter zur Hand zu gehen und ihr zu
helfen. Bei den Recherchen. Bei der Veröffentlichung. Bei der Ehrung
dieses Mannes, der für seine Überzeugungen eingestanden ist, obwohl er
Frau und Kinder hatte. Der nicht weggeschaut hat wie so viele. Der im
Berliner Untergrund im Widerstand tätig war. Ein überzeugter Kommunist und
bis zu seiner Verhaftung Politischer Leiter der Roten Hilfe in Berlin
Prenzlauer Berg. 

Heute möchte ich diesen Mann ehren und ihm öffentlich meinen höchsten
Respekt und meine größte Anerkennung zollen. Ich bin froh, dass es unter
diesen Millionen von Mitläufern auch aufrechte und unbeugsame Menschen
gegeben hat. Wie ihn.
Harry Hüttel.
17.8.1897 – 4.5.1950 Berlin

Verhaftet durch die Gestapo am 3. März 1936 in der Rykestrasse 22
in Berlin.
Gefoltert.
Verurteilt am 26.1.1937 zu vier Jahren Zuchthaus vom Kammergericht
Berlin.
Am 5.2.1937 Einlieferung in das Zuchthaus Brandenburg-Goerden.

Auch Erich Honecker war einer der Gefangenen dort und schreibt später in
seiner Biografie:

„Am 10. Juni 1937 wurde ich vom Untersuchungsgefängnis Berlin-Moabit in
das Zuchthaus Berlin-Plötzensee und von dort am 6. Juli 1937 in das
Zuchthaus Brandenburg-Görden übergeführt.
Mit hohen Mauern von der Außenwelt abgeschlossen, wirkte es wie ein
modernes Verlies, darauf angelegt, die Gefangenen einzuschüchtern und
niederzudrücken. So war dort auch die Atmosphäre. Der Strafvollzug hatte
zum Ziel, vor allem die politischen Gefangenen – etwa 2200 von insgesamt
3000 Häftlingen – zu demoralisieren und zu vernichten. Nicht wenige der
Aufseher behandelten die politischen Gefangenen äußerst brutal.
Das Schrecklichste aber waren die Hinrichtungen in einer Garage des
Zuchthauses. Die meisten, die dort in den Tod gingen, waren unsere
Genossen, oftmals gute Bekannte und enge Freunde. Anfangs noch selten,
nahmen die Hinrichtungen bald mehr und mehr zu — bis über dreißig an je
zwei Tagen der Woche. Und das Monat für Monat, Jahr für Jahr. Insgesamt
wurden in der Hinrichtungsstätte des Zuchthauses bis April 1945 über 2000
Antifaschisten ermordet.
Trotz strengster Isolierung und Überwachung sowie unzähliger Schikanen
hatten eingekerkerte Kommunisten eine illegale Parteiorganisation
gebildet. Sie organisierte den entschiedenen Widerstand, die Solidarität
und den Zusammenhalt der politischen Gefangenen. Anfangs in strenger
Einzelhaft, sollte auch ich schon kurz nach meiner Einlieferung diese
Solidarität verspüren. Heimlich wurde mir ein Stück Brot zugesteckt,
eine Information über die internationale Lage, die Situation im Land
oder über Vorgänge im Zuchthaus zugeflüstert.

(…)
Der Parteiorganisation gelang es nach und nach, die Kalfaktorstellen fast
durchweg mit politischen Gefangenen zu besetzen. So wurde ich wie Max
Uecker und Harry Hüttel Arztkalfaktor — Max Uecker beim Zahnarzt,
ich beim Anstaltsarzt Dr. Müller.
Unsere Tätigkeit als Kalfaktoren bei den Anstaltsärzten war für die
illegale Parteiorganisation von nicht zu unterschätzendem Wert. Da uns die
Ärzte bei der Einteilung der Gefangenen für die Untersuchung und
Behandlung bald freie Hand ließen, teilten wir den Kalfaktoren in den
Zellentrakten mit, an welchem Tag sich welche Genossen beim Arzt melden
sollten. Wir schlossen sie in eine Wartezelle und holten sie erst im
letzten Augenblick zur Behandlung, was ihnen Gelegenheit und Zeit zu
Gesprächen bot.
In der Regel wurden neu eingelieferte Gefangene dem Arzt vorgestellt.
Mit den Genossen unter ihnen konnten wir daher ersten Kontakt aufnehmen
und die Verbindung zur illegalen Parteiorganisation herstellen. Von
diesen Genossen erhielten wir auch Informationen über die Politik der
KPD und ihren antifaschistischen Kampf, über die internationale Lage und
die Situation im „Dritten Reich“.“

Quelle: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14329823.html
(Hervorhebungen und Auslassungen durch mich)

7.5.1940
Die Zuchthausleitung schreibt in der „Anzeige über die Entlassung von
politischen Strafgefangenen: „Seine Führung während der Strafhaft war
nicht zufriedenstellend.“

Es folgt seine Verschleppung ins
KZ Sachsenhausen.
Häftlings Nr. 019617, Block 65.  


Mir ist schon klar, womit sie nicht zufrieden waren – Harry hat sich nicht
gefügt, wie man deutlich an dem Bericht Honeckers ablesen kann. Er hat
auch in der Gefangenschaft weiterhin Hilfe für die Gefangenen organisiert
und Widerstand geleistet. Das muss jedoch irgendwie aufgeflogen sein –
hier fehlt noch einiges an Recherche.
Edit am 3. August 2015 (auf einen entsprechenden Hinweis meiner Mutter
hin): Es musste nichts ‚auffliegen‘ – das war gar nicht nötig. Aus der
Forschungsliteratur ergibt sich, dass die Gestapo genau diese Einschätzung
verlangte („nicht zufriedenstellend“). War also jemand Kommunist oder Jude
oder sonst in irgendeiner Weise ein Dorn im Auge des Terrors, brauchte es
keiner besonderen Umschweife, um denjenigen kalt zu stellen und zur Not
auch die Gerichte zu umgehen, indem ein Urteil einfach als ‚falsch‘
deklariert wurde. Die Jurisdiktion war zur Farce geworden.

Das KZ Sachsenhausen. Jahrelang. 

Es ist unklar, ob es ihm auch dort möglich war, weiterhin den Widerstand
zu organisieren. Aber es ist sehr wahrscheinlich. Vielleicht werden wir
auch hier durch unsere weiteren Recherchen noch etwas darüber erfahren
können.

Dann das
KZ Mauthausen. Und das glücklicherweise nur noch kurz.

15.2.1945:
KZ Mauthausen 

Häftlings-Nr. 130988 
„In das SL“ [Sanitätslager] mit dem Vermerk „R.u.“ [Rückkehr
unerwünscht]

Denn Mauthausen überlebte man nicht.

Aber der Tag der Befreiung kam. Am 5.5.1945 befreite ein Panzerspähtrupp
der Amerikaner das KZ Mauthausen.

Der Tag des
Mauthausen-Schwurs
kam. Und mein Großonkel war frei. Nach neun Jahren unmenschlichen Lebens
endlich wieder frei. FREI!

Ich vermag mir seine unendliche Freude vorzustellen. Aber auch: Die
Erschöpfung. Den Hunger. Die unerträglichen Schmerzen, die er später nur
noch mit Morphium ertragen konnte. Vielleicht, sicher auch Rachegedanken.
Unzählige Menschen sind vor seinen Augen zu Tode gequält worden. Die
Todesstiege hinunter gestossen. Verhungert. Nachts immer wieder geweckt
und nackt vor eine Mauer gestellt. Mit eiskaltem Wasser übergossen.
Mauthausen überlebte man nicht.

Und doch! UND DOCH!!! 8. Mai 1945.

Im Mai 1945 kehrte Harry Hüttel als schwer kranker Mann in seine
Heimatstadt Berlin zurück.
Von 1947 bis 1948 war er Bürgermeister in Hennigsdorf.
Im Oktober 1949 schenkte er seiner kleinen Nichte, meiner Mutter, rote
Korallenohrringe, die sie bis heute aufbewahrt hat.
Am 4.5.1950, einen Tag vor dem 5. Jahrestag der Befreiung, starb Harry
Hüttel in Berlin an den Folgen der KZ-Haft.

Ich bin heute mit meinen Gedanken bei ihm und bei seiner Freude über die
Befreiung.
Und bei seiner Trauer über die unzähligen Toten.
Und ich sage es mit Nachdruck und so laut ich kann:

NIE WIEDER KRIEG!

NIE WIEDER FASCHISMUS!

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